
Gender-Collage? Gender-Muster? Gender-Erzählung?
Geschlecht(er) und Narration(en) : deutsch-französischer Workshop
Sind Gender-Fragen in der französischen Forschung ziemlich spät
aufgetaucht, so sind sie doch in Deutschland weiter vorangeschritten
und stellen somit eines der analytischen Fundamente kultureller und
gesellschaftlicher Strukturen dar.
Abgesehen von den verschiedenen nationalen Kontexten und
universitären Traditionen gehen die Gender und Queer Studies jedoch
generell von dem Postulat aus, dass Geschlechter sich performativ
denken lassen : Geschlechterkonstruktionen sind demnach als Resultate
diskursiver und u.a. auch narrativer Akte aufzufassen.
Die französische Übersetzung der Texte Judith Butlers, in denen
Gender-Theorien im Mittelpunkt stehen, fällt außerdem zeitlich mit
einer neuen Phase ihres philosophischen Schaffens zusammen : Wie die
Übersetzung ins Französische ihres Buches Le récit de soi (2007) es
nahelegt, wird dabei nunmehr das Augenmerk auf den Prozess des Sich-
Erzählens gerichtet. In Anbetracht dieses "Verspätungsphänomens", das
der französischen Butler-Rezeption eigen ist, erscheint es als
durchaus angebracht, sich mit den Ergebnissen deutschsprachiger
Wissenschaftler auseinanderzusetzen.
Von dieser doppelten Feststellung ausgehend zielt die deutsch-
französische Tagung darauf ab, der Problematik "Geschlecht(er) und
Narration(en)" auf den Grund zu gehen und somit privilegierte
Ausdrucksmodi von Gender zu untersuchen (spielerische, mimetische,
experimentierende, normative und subversive Ausdrucksmodi). Paul
Ricoeur hat diesbezüglich schon darauf verwiesen, dass "[d]ie
Geschichte eines Lebens [...] durch all die wahren oder fiktiven
Geschichten, die ein Subjekt über sich erzählt, [ständig refiguriert
wird.] Die Refiguration macht das Leben zu einem Gewebe erzählter
Geschichten."
Diese Refiguration ist dann also eine für das Selbst signifikante Art
und Weise, die eigene Erzählung mit Blick auf die Anderen zu re-
artikulieren, und zwar sowohl durch Masken als auch - so ließe sich
hinzufügen - durch Travestierungsmechanismen.
Folgende Schwerpunkte können beachtet werden:
Schwerpunkt 1: Gender-Macht der Worte
Der Ausdruck von Gender beruht auf psychologischen und sozialen
Werten sowie auf diskursiven, politischen und religiösen
Machtinstanzen. Welches sind die Rahmenbedingungen der Gender-
Performanz und welche Rolle spielen dabei historisch konstruierte
Repräsentationen? Wie wechseln sich das erzählte und das erzählende
„Ich" ab: Kann ein Subjekt seine eigene Gender-Geschichte erzählen,
ohne dabei objektiviert zu werden?
Schwerpunkt 2: Konstruktion der Gender-Erzählung
Ein Narrativ kann nur dann veräußert werden, wenn es auch von anderen
rezipiert werden kann. Inwiefern inkorporieren wir zu diesem Zweck in
unsere Gender-Erzählungen bestehende kollektive „scripts" bzw.
„plots"? Und inwiefern ähneln wir dann dieser von uns
zusammengesetzten Collage? Gibt es bevorzugte Erzählvorgänge,
bevorzugte Arrangements? Eignen sich manche narrative Formen mehr als
andere im Hinblick auf eine geschlechtlich bedingte Sinngebung?
Schwerpunkt 3: Gender-Fragmente
Oder sind Gender-Narrative und Gender-Performanzen grundsätzlich
instabile und fragmentarische Konstrukte? Inwiefern unterbrechen
Interpellationen und Zwischenrufe den Erzählvorgang? Gibt es
versteckte, kodierte bzw. chiffrierte Gender-Erzählungen? Wie
verhalten sich Geheimnis und Subversion zueinander? Können Gender-
Erzählungen nur dann subversiv sein, wenn sie geheim bleiben?
Mit Hilfe dieses Workshops soll ein europäisches Netzwerk von Gender-
Forschern entstehen. Die Organisatoren legen einen besonderen Wert
auf interdisziplinäre und komparatistische Vorschläge von
Nachwuchswissenschaftlern aus Frankreich und Deutschland. Folgende
methodologischen Ansätze sind u. a. möglich: Diskursanalyse,
Narratologie, Oral History, Konversationsanalyse...
Folgende Fachbereiche werden besonders berücksichtigt: Gender
Studies, Literaturwissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte,
Linguistik, Pragmatik, (Sprach)philosophie, Psychologie,
Kommunikationswissenschaft...
Sprachen der Veranstaltung : Deutsch und Französisch
Termin der Veranstaltung: 13. und 14. März 2009
Ort der Veranstaltung: Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales
(EHESS), Paris
Eine Publikation ist vorgesehen.
Die Reisekosten werden pauschal und im Rahmen der zur Verfügung
stehenden Drittmittel erstattet.
Abstracts (max. 1 Seite) mit einem kurzen Lebenslauf sollten bis zum
15. Oktober 2008 bei Cécile Chamayou-Kuhn (Germanistik, Universität
Paris 3) eingereicht werden: cecile.chamayou@wanadoo.fr
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